ANDREA PETKOVIC GANZ PRIVAT

Andrea Petkovic überlegt kurz. Relativ kurz, um genau zu sein, dann zaubert sie im Handumdrehen drei Antworten aus dem Hut: „BEMBEL, BELEIDISCHDE LEBBERWORSCHD, DABBESS“. Es besteht kein Zweifel, dass „Petko“ noch hätte nachlegen können in Sachen „hessische Lieblingswörter“. Und zwar mühelos, in perfekter regionaler Mundart und voller Inspiration. Wie man sie eben so kennt.

Petkovic, die Kosmopolitin mit Faible New York, hat aus ihrer Heimatverbundenheit nie einen Hehl gemacht. Fernweh und Heimweh, das muss kein Widerspruch sein. Immer wieder zieht es die 33-Jährige zurück nach Darmstadt – zur Familie, zu den alten Schulfreunden und in ihr kleines Haus mit wunderbarem Garten. Vater Zoran, ein Tenniscoach, und Mutter Amira wohnen nicht weit entfernt. Ihre jüngere Schwester Anja, zu der Petkovic ein inniges Verhältnis pflegt, hat erst vor ein paar Monaten geheiratet.

Bad Homburg Open? „Ein besseres Geschenk hätte man mir gar nicht machen können“

Andrea Petkovic, die universell Interessierte und Begabte, sympathisiert natürlich mit ihren „Lilien“, dem Fußball-Zweitligisten SV Darmstadt 98. Ja, auch mit dem „großen“ und klassenhöheren Bruder, der Eintracht aus Frankfurt. Und sie kann es schon jetzt kaum mehr erwarten, die kurze Strecke von Daheim über die A661 zu fahren und bei der Premiere der Bad Homburg Open (20. bis 26. Juni 2021) im geschichtsträchtigen Kurpark aufzuschlagen.

„Endlich mal Zuhause spielen, und das auch noch gegen Ende meiner Karriere, ein besseres Geschenk hätte man mir gar nicht machen können“, sagt die stolze Hessin über das WTA-Rasenturnier mit Wimbledonflair. Nur gut 20 Kilometer liegen zwischen ihrem Wohnort und der idyllischen Turnieranlage des TC Bad Homburg. Ein Katzensprung gemessen an den Entfernungen zu anderen Turnieren im globalen Tennis-Wanderzirkus. Petkovic und das Turnier in der Kurstadt: Ein perfect Match – gewissermaßen.

Trotz der Einschränkungen durch die Corona-Pandemie soll 2021 für Petkovic ein besonderes Jahr werden. Dass es auf jeden Fall emotional werden wird mit Olympia in Tokio als einem der Highlights, daran besteht kaum ein Zweifel. Ebenso wenig wie an der Herangehensweise: „Ich spüre immer noch das Feuer!“ Andrea Petkovic möchte auf einer letzten Runde für die „großen Momenten in den großen Stadien“ spielen, wie sie es formuliert, und sich im Wettkampfmodus „verabschieden“. Von ihren Fans in aller Welt. Von der Tour. Vom Leben als Profi, das ihr viel gegeben, aber auch einiges abverlangt hat (Stichwort Verletzungen). Das sie geprägt und ihr Türen geöffnet hat. Das ihr den Spiegel vorgehalten und ihr die Chance geboten hat, sich unter Extrembedingungen besser kennenzulernen. Das sie fast immer geliebt und nur selten verflucht hat.

Erfolgreiches Erstlingswerk veröffentlicht: „Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht“  

Petkovic, einst die Nummer neun im Filzball-Universum, weiß genau, dass sie wohl in keinem Job mehr so erfolgreich sein wird wie als Tennisprofi. Nüchtern betrachtet. Doch eine wie sie hat vorgesorgt für die Zeit nach der sportlichen Karriere. Als Moderatorin der ZDF-Sportreportage hat sich „Petko“ in den vergangenen Monaten einen Namen gemacht. Im vergangenen Herbst erschien zudem ihr Erstlingswerk „Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht“. Der Einstieg als Autorin glückte, Petkovic erntete gute Kritiken. „Es ist keine klassische Autobiografie, es sind vielmehr Erzählungen. Einige sind wirklich so passiert, andere nicht“, beschreibt sie den Inhalt. Das Cover zeigt den Ausschnitt eines Sandplatzes. Die rote Asche, der liebste Belag der French-Open-Halbfinalistin von 2014.

An ihrem Buch hat sie rund zwei Jahre gearbeitet. Zeitweise auch in Woodstock/USA. Und selbst, als die Ideen dort ungeachtet der gemütlichen Location einmal nicht so sprudelten, eine handfeste Schreibblockade drohte, wusste sich die stets kreative Petkovic zu helfen. „Ich habe den Bus genommen, bin nach New York gefahren und war zwei Nächte dort. Das war die Ablenkung, die Inspiration, die ich brauchte. Als ich wieder zurückgekommen bin, ging es wieder mit dem Schreiben“, erzählt die ehemalige Top-Ten-Spielerin, die in der Corona-Zeit den „Racquet Book Club“ gründete. Einen digitalen Buch Club, der auf Instagram mittlerweile knapp 7.000 Abonnenten besitzt.

Zurück nach New York. Der „Big Apple“ ist inzwischen so etwas wie eine zweite Heimat für sie. Ihr Freund, ein professioneller Musiker, der sie auch immer wieder zu den Turnieren begleitet, lebt dort im Stadtteil Brooklyn. Wie noch etliche andere Kumpels und Bekannte von Petkovic, die wie kaum eine andere Heimatverbundenheit so wunderbar mit Fernweh verbinden kann. Beispiel gefällig? „BEMBEL“, dieser hessische Begriff, den sie jüngst bei einer Fragerunde als erstes nannte, ist ein dickbauchiges Gefäß, das zum Ausschenken von Apfelwein benutzt wird. Apfelwein, Apfel, Big Apple. Noch Fragen?